„Ich verstehe das gar nicht. Was ist denn da heute nur los? Warum ist es bei meinem Kind nur so schwierig?“ Diesen Satz höre ich immer wieder – von Eltern, die ich im Lerncoaching begleite, von Freundinnen, manchmal auch von mir selbst. Und ich glaube, genau diese Frage trägt jeder von uns irgendwann in sich.
Meine ehrliche Antwort darauf ist unbequemer, als die meisten erwarten – und sie ist vor allem mein Versuch einer Lösungsfindung, keine universelle Wahrheit. Für mich liegt es nicht am einzelnen Kind. Etwas in unserer Gesellschaft ist aus dem Gleichgewicht geraten – und Kinder sind der Spiegel, der uns das ganz ungeschönt zeigt: das, was wir selbst nicht mehr sehen wollen.
In diesem Artikel zeige ich dir, aus meiner Sicht: was unser über 200 Jahre altes Schulsystem damit zu tun hat, was sich an der Lebensrealität von Kindern heute wirklich verändert hat, warum unser Bildungssystem an den falschen Stellen ansetzt – und was „anders“ für mich bedeutet.
Das Wichtigste in Kürze
- Wir alle waren Schulkinder – deshalb halten wir uns für Experten. Aber unser Schulsystem ist über 200 Jahre alt, die Kindheit von heute ist es nicht.
- Smartphones, endlose Möglichkeiten und Reizüberflutung verändern, wie Kinder aufwachsen – grundlegend.
- Veränderte Familienstrukturen und Bewegungsmangel verstärken diese Entwicklung zusätzlich.
- Bildungspolitik kuriert Symptome, nicht Wurzeln – selbst bewiesene Lösungen bleiben ungenutzt.
- „Anders“ bedeutet für mich: nicht nur beim Kind hinschauen, sondern auch bei mir selbst.
Warum wir uns alle für Schul-Experten halten
Jeder von uns war mal Schulkind. Weil wir alle selbst durch die Schule gegangen sind, glaubt fast jeder, automatisch ein Experte für das Thema Schule zu sein. „Bei mir hat das doch auch funktioniert“ oder „so muss das eben sein“ – diese Sätze fallen schnell, wenn es um Schulalltag, Hausaufgaben oder Erziehung geht.
Natürlich wollen Eltern ihren Kindern helfen. Aber das, was ihnen dafür zur Verfügung steht, ist meist nur ihr eigenes Wissen – die eigene Schulzeit, die sie selbst mehr oder weniger erfolgreich durchlaufen haben. Mit diesem Wissen versuchen sie, ihre Kinder zu unterstützen. Und ja, das hat lange Zeit auch ganz gut funktioniert.
Ich war über 20 Jahre im Schuldienst – und ich habe genau diesen Bruch hautnah miterlebt. Als ich 2014 aus der Elternzeit zurückkam, hatte ich das Gefühl, die Welt hätte sich in der Zwischenzeit unglaublich schnell weitergedreht. Im Rückblick ist das kein Zufall: Genau in diesen Jahren wurde aus dem Smartphone ein Massenphänomen – 2012 hatte gerade mal jeder Dritte in Deutschland eines, zwei, drei Jahre später war es die deutliche Mehrheit. Diese Geschwindigkeit der Veränderung hat es so vorher nie gegeben.
Das Problem: Unser Schulsystem mit seinen Klassenverbänden, Fächern und festen Lehrplänen geht auf Reformen zurück, die über 200 Jahre alt sind. Computer kamen für die breite Bevölkerung erst in den 1980er-Jahren ins Haus – der Commodore C64 kam 1982 auf den Markt, und ich selbst habe als Kind noch auf so einem frühen Computer Adventure-Games mit ruckliger Grafik gespielt, wie das legendäre „Maniac Mansion“ von 1987. Das Smartphone in der Tasche jedes Kindes ist sogar noch viel jünger – das ist gerade einmal gut zehn Jahre her. Die Erfahrung, auf die wir uns berufen, wenn wir uns selbst für „Schul-Experten“ halten, ist meist nur unsere eigene – oft Jahrzehnte zurückliegende – Schulzeit, in einer Welt ganz ohne Smartphones, Social Media und permanente Erreichbarkeit.
Die Lebensrealität der Kinder heute – was wirklich anders ist
Wenn ich mit meinen eigenen Kindern über dieses Thema spreche, merke ich, wie schnell mir selbst Sätze rausrutschen wie: „Früher waren wir doch auch ständig draußen unterwegs.“ Und das stimmt. Ich bin auch sehr froh, dass ich diese Kindheit hatte. Aber gleichzeitig wird mir dabei jedes Mal klar: Die Räume, die ich damals hatte, existieren so für meine Kinder schlicht nicht mehr in der gleichen Form.
Was sich aber noch grundlegender verändert hat, ist der Umgang mit Wissen selbst. Ich bin mit Lexika und Bibliotheksbesuchen aufgewachsen – Wissen musste man sich erarbeiten, Schritt für Schritt. Meine Kinder kommen dagegen in eine Welt, in der von Geburt an klar ist: Jedes Wissen ist sofort verfügbar. Das verändert nicht nur, WIE sie lernen, sondern auch ihr ganzes Selbstverständnis von Wissen und Lernen.
Und trotzdem beobachte ich bei meinen eigenen Jungs: Diese enorme Möglichkeit wird oft gar nicht zielgerichtet genutzt. Das Smartphone dient nicht selten der Ablenkung und Unterhaltung – nicht, weil die Kinder „es nicht besser wüssten“, sondern weil schlicht noch niemand wirklich aufgearbeitet hat, wie man mit dieser völlig neuen Verfügbarkeit von Wissen sinnvoll umgeht. Das ist, glaube ich, eine der großen unbeantworteten Fragen unserer Zeit – und genau hier hakt es auch in der Schule.
Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit
Der größte Unterschied zu früher ist vielleicht dieser: Niemand hat mehr Zeit. Und das Smartphone ist zum größten Konkurrenten um genau diese Zeit geworden – auch bei Kindern. Schau dich um, egal wo: Kaum jemand wartet noch irgendwo, ohne sich abzulenken. Kinder erleben das von Anfang an. Schon im Kinderwagen sehen sie oft kein Gesicht mehr, sondern den Bildschirm davor.
Das ist kein Gefühl, das ich mir einbilde. Eine große Übersichtsstudie aus dem Jahr 2025, die über 23.000 Familien und 30 Einzelstudien auswertete, kommt zu einem klaren Ergebnis: Wird die elterliche Aufmerksamkeit häufig durch das Smartphone unterbrochen („Technoference“ nennt die Forschung das), zeigen Kinder deutlich mehr Verhaltensauffälligkeiten, Probleme mit der emotionalen Regulation und sogar Verzögerungen in der Sprachentwicklung. Je öfter die Unterbrechungen, desto stärker die Auswirkungen. Es geht also nicht darum, das Smartphone zu verteufeln – sondern darum, dass Kinder wieder wirklich gesehen werden, ohne Ablenkung, ohne zwanzig Gedanken gleichzeitig im Kopf.
Zu viele Möglichkeiten, zu wenig Ruhe
Das Internet gibt uns Zugang zur ganzen Welt – und damit auch unendlich viele Möglichkeiten. Ich habe das selbst sehr stark gespürt, als meine Kinder klein waren: Allein die Auswahl an Veranstaltungen, die ich toll fand, hat mich unter Druck gesetzt.
Dieses Gefühl hat einen Namen: das Auswahlparadox. Schon im Jahr 2000 zeigte ein inzwischen klassisches Experiment, dass Menschen bei einer riesigen Auswahl an Marmeladensorten seltener überhaupt etwas kauften als bei einer kleinen Auswahl – zu viele Optionen lähmen, statt zu befreien. Der Psychologe Barry Schwartz hat daraus später sein bekanntes Konzept vom „Paradox of Choice“ entwickelt: Mehr Optionen bedeuten mehr Reue, mehr Vergleichsdruck, mehr das Gefühl, etwas zu verpassen. Übertragen auf unseren Alltag mit Kindern heißt das: Je mehr uns „zur Verfügung steht“, desto größer der innere Druck, all das auch nutzen zu müssen – und desto stärker das Gefühl, nicht gut genug zu sein, wenn man es nicht tut.
Gerade bei Kindern erlebe ich oft das genaue Gegenteil: Im Wald, wo es kaum etwas „gibt“, kommen sie irgendwann zur Ruhe und werden kreativ. Das ist auch wissenschaftlich belegt: Studien zu Waldkindergärten zeigen, dass Kinder dort in standardisierten Kreativitätstests deutlich besser abschneiden als Kinder aus klassischen Kindergärten – und der Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten beschreibt genau diesen Effekt: Spiel in Selbstbestimmung und Gelassenheit, ganz ohne Reizüberflutung, wirkt sich nachweislich positiv auf Selbstwert und mentales Wohlbefinden aus. Weniger ist eben oft wirklich mehr.
Elektrosmog & das Gefühl, immer erreichbar zu sein
In unseren Schulen ziehen WLAN-Verstärker, digitale Tafeln und Smartwatches ein – Kinder sind heute fast durchgehend erreichbar und trackbar. Das nimmt ihnen ein Stück Freiheit, das wir früher selbstverständlich hatten: einfach mal nicht erreichbar zu sein.
Wie gesundheitsschädlich Elektrosmog im engeren Sinn tatsächlich ist, wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert – offizielle Stellen wie das Bundesamt für Strahlenschutz sehen bislang keinen nachgewiesenen Zusammenhang, auch wenn weiter geforscht wird. Eindeutiger belegt ist dagegen etwas anderes: der Effekt der ständigen Erreichbarkeit selbst. Eine Studie der University of Texas zeigte, dass schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones im Raum die kognitive Leistungsfähigkeit messbar senkt – selbst wenn es stumm und unberührt daliegt. Und Forschung der Universität Freiburg belegt, dass Menschen, die ständig erreichbar sein müssen, deutlich gestresster sind.
Ich gehe inzwischen bewusst ohne Handy spazieren – und genau dieses „nicht erreichbar sein“ macht ganz viel aus. Sonst schaut man doch noch mal schnell nach, „ach, da könnte ich noch…“ Es hält uns davon ab, im Hier und Jetzt zu leben. Bei Kindern entsteht genau dasselbe – nur kennen sie es gar nicht anders. Sie sind in eine permanente Erreichbarkeit hineingeboren, die es früher schlicht nicht gab.
Eine Idee davon, wie es ist, sich dem Medium Handy und der Nachrichtenflut bewusst zu entziehen, kannsr du z.B. in folgendem Beitrag bekommen: https://junizeit.de/leben-ohne-nachrichten/. Sich bewusster mit dem eignenen Medienkonsum auseinanderzusetzen, ist für mich unerlässlich und hat Auswirkungen auf das gesamte Familienleben. Und wenn ich weiter denke und viele Menschen sich damit beschäftigen- auch auf unsere ganze Gesellschaft, so dass wir wieder andere Vorbilder für unsere Kinder sein können- unabhängig davon, ob wir selbst welche haben.
Veränderte Familienstrukturen & ein neues Erziehungsverständnis
Auch die familiäre Situation hat sich grundlegend verändert. Laut Statistischem Bundesamt gibt es inzwischen knapp 3 Millionen Alleinerziehende in Deutschland, rund jedes fünfte Kind wächst in einem Haushalt ohne beide Elternteile auf. Patchwork-Konstellationen, die früher die Ausnahme waren, sind heute Alltag für viele Familien.
Gleichzeitig hat sich auch das Erziehungsverständnis verändert: Viele Eltern – ich nehme mich da gar nicht raus – orientieren sich stark an Bindung und Beziehung zum Kind. Das ist grundsätzlich gut und richtig. Schwierig wird es aber, wenn Bindungsorientierung ohne klare Grenzen gelebt wird. Die Erziehungsforschung unterscheidet hier schon lange: Es ist nicht die Bindung an sich, die Kindern fehlt – es ist die Kombination aus Bindung UND Führung. Fehlen klare Grenzen, zeigen Kinder nachweislich weniger Selbstkontrolle und entwickeln sich später weniger eigenständig. Sie lernen nicht, mit Frustration umzugehen, weil sie selten die Erfahrung machen, dass eine Grenze auch mal bestehen bleibt.
Genau das habe ich auch zunehmend in der Schule erlebt und sehe es generell, wo ich Kindern begegne oder im Alltag beobachte: Kinder, die nie gelernt haben, Frust auszuhalten oder sich selbst zu regulieren, fallen dort schneller auf – nicht, weil sie „schwierige Kinder“ sind, sondern weil ihnen eine Fähigkeit fehlt, die früher selbstverständlicher mittrainiert wurde.
Warum man neue Probleme nicht mit alten Mustern löst
Symbolpolitik statt Wurzelbehandlung
Während Deutschland bei der jüngsten UNICEF-Auswertung zu Bildungschancen nur Platz 34 von 37 belegt und 40 Prozent der 15-Jährigen nicht einmal die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik erreichen, diskutiert die Kultusministerkonferenz monatelang darüber, ob die Bundesjugendspiele mit Stoppuhr oder als Wettbewerb stattfinden sollen. Selbst die Lehrergewerkschaft GEW hat das öffentlich kritisiert: Diese Debatte lenkt von den eigentlichen Problemen ab – fehlende Sporthallen, fehlende Lehrkräfte, zu große Klassen. Bis 2035 fehlen laut Kultusministerkonferenz rechnerisch rund 50.000 Lehrkräfte. Das ist für mich das Symbolbild eines Systems, das an der Oberfläche herumschraubt, während die Wurzel unangetastet bleibt.
Der Blick auf andere Länder zeigt: Es geht auch anders. In Frankreich ist Ganztagsschule seit über 140 Jahren so selbstverständlich, dass es im Französischen nicht einmal einen Begriff für „Halbtagsschule“ gibt – mit fester Mittagspause, integrierter Hausaufgabenbetreuung und durchdachten Strukturen, statt nachträglich aufgesetztem Flickwerk. Und Polen zeigt sogar das Gegenteil von dem, was bei uns oft befürchtet wird: Ein nachweislich erfolgreiches Schulsystem, das polnische Schüler 2018 an die europäische PISA-Spitze brachte, wurde aus politischen Gründen wieder abgeschafft. Auch das ist „altes Muster“: Funktionierende Lösungen werden nicht geschützt, sondern der nächsten politischen Agenda geopfert.
Trotzdem will ich ehrlich sein: Das schwedische Ganztagsmodell mit eigenem Koch- und Bibliothekspersonal, Schulpsycholog:innen und Sozialarbeiter:innen ist beeindruckend gut ausgestattet – und trotzdem ist Schweden bei den letzten PISA-Ergebnissen selbst eingebrochen. Für mich persönlich ist das Modell ohnehin kein Ideal, dem ich nacheifern würde. Ich glaube nach wie vor, dass es für Kinder am besten ist, nicht ständig fremdbetreut zu sein, sondern in der Familie feste Strukturen zu erleben. Das Problem ist nur: Genau diese Strukturen sind für viele Familien gar nicht mehr realistisch. Die Wohnkosten allein fressen heute rund ein Viertel des Haushaltseinkommens, und im Schnitt braucht es 1,5 Gehälter, damit ein Kind nicht armutsgefährdet aufwächst. Dass beide Elternteile arbeiten gehen, ist für viele also keine Wahl, sondern Notwendigkeit – und Kinder sind hier wieder die Leidtragenden, weil ihnen Aufmerksamkeit fehlt.
Und ich glaube, das eigentliche Problem entsteht erst in der Kombination: Früher haben Menschen auch viel gearbeitet – aber die Zeit, die dann als Familie blieb, war ungeteilte Zeit, ohne Smartphone, ohne Ablenkung. Heute ist die ohnehin schon knappere gemeinsame Zeit zusätzlich von genau der Aufmerksamkeitskonkurrenz betroffen, die wir vorhin schon besprochen haben. Weniger Zeit UND weniger Präsenz in dieser Zeit – das trifft Kinder doppelt.
Mein eigenes Beispiel: Wie mit Ressourcen umgegangen wird
Das habe ich selbst erlebt. Als ich meine Elternzeit eingereicht hatte, war ich noch einmal im Schulamt, um zu erklären, warum ich diesen Schritt gehe – und um nachzufragen, ob es andere Einsatzmöglichkeiten oder Jobs für mich gibt. Die Antwort war der Satz mit dem Lehrermangel. Wenn man selbst bei so einer naheliegenden Nachfrage keine wirklich zielführende Lösung anbietet, wundert es mich nicht, dass das System auf wackligen Beinen steht – ganz unabhängig von der Frage, ob die Einrichtungen zeitgemäß sind oder nicht.
Bewegungsmangel & verpasste Chancen
Dass Kinder heute insgesamt weniger draußen sind, hat noch eine weitere Konsequenz, die in der Bildungsdebatte kaum vorkommt: Sie bewegen sich insgesamt zu wenig. Nur 10,8 Prozent der Mädchen und 20,9 Prozent der Jungen in Deutschland erreichen die von der WHO empfohlenen 60 Minuten Bewegung pro Tag. Das merkt man im Schulalltag ganz direkt: Was früher offenbar noch funktioniert hat – ruhig auf einem Stuhl sitzen, über Stunden konzentriert bleiben –, schaffen heute viele Kinder einfach nicht mehr. Und das liegt nicht an mangelnder Disziplin, sondern schlicht daran, dass ihnen die Bewegung fehlt, die sie dafür eigentlich bräuchten.
Dabei gab es sogar schon einen Beweis dafür, dass kleinere, entzerrte Klassen funktionieren: In der Corona-Zeit wurden Klassen zeitweise geteilt, damit überhaupt Unterricht stattfinden konnte. Sowohl Schüler als auch Lehrkräfte bewerteten das auffallend positiv – der Unterricht war entspannter, Lehrkräfte konnten viel gezielter auf einzelne Lernlücken eingehen, und die Klassengemeinschaft wirkte ruhiger. Es war also keine Theorie, sondern gelebte Praxis, dass kleinere Gruppen besser funktionieren. Trotzdem hat sich seitdem nichts verändert – die Klassengrößen gehen tendenziell sogar wieder nach oben. Genau das ist für mich der eigentliche Skandal: Wir hatten den Beweis, was hilft, und haben ihn einfach wieder liegen lassen.
Hier könnte man einwenden: Aber die Hattie-Studie sagt doch, Klassengröße wirkt kaum! Das stimmt – und ist trotzdem kein Widerspruch. Kleinere Klassen sind nicht der Wirkfaktor selbst, sondern die Voraussetzung dafür: Erst in kleineren Gruppen ist wirklich Raum für das, was laut Hattie tatsächlich zählt – Feedback, individuelle Aufmerksamkeit, eine ruhige Lernatmosphäre. Kinder spüren diesen Unterschied ganz direkt, auch wenn er sich nicht eins zu eins in Hatties Statistik als „Klassengröße“ niederschlägt.
Ich habe selbst in meiner eigenen Klasse während Corona erlebt, wie positiv Kinder eine ruhigere, weniger reizüberflutete Lernatmosphäre wahrgenommen haben. Was das mit der wachsenden Zahl hochsensibler und als ADHS diagnostizierter Kinder zu tun haben könnte – dazu kommt bald ein eigener Artikel.
Was „anders“ für mich wirklich bedeutet
Im Namen „anders. macht Schule.“ stecken für mich zwei Dinge auf einmal: die Schule, um die es hier geht – und der Anspruch, dass sich etwas Neues durchsetzt und Schule macht, im besten Sinne des Wortes. Beides gehört für mich zusammen. Entstanden ist er aus einer sehr persönlichen Erkenntnis: Mein Weg ins Coaching begann mit der Einsicht, dass auch die Pubertät meiner eigenen Kinder ein Schatz sein kann, wenn man sie als solchen begreift. Mir wurde klar, dass häufig nicht das Verhalten meiner Kinder das eigentliche Problem war, sondern meine eigene Haltung dazu – und dass sich diese Haltung verändern lässt. Andere Denkweisen ermöglichen andere Handlungen. In meiner Coachingausbildung habe ich diesen Mechanismus verstanden: Andere Gedanken erzeugen andere Gefühle, andere Gefühle führen zu anderem Handeln.
Genau dieser Zusammenhang ist die Grundlage für alles, was ich in diesem Artikel beschrieben habe. Wir leben in einer hochkomplexen Welt, ohne dass jemand mit einer Gebrauchsanleitung dafür ausgestattet wäre. Also greifen wir auf das zurück, was wir kennen – und genau das funktioniert nicht mehr.
Durch meine Coachingausbildung und die Arbeit an meinen eigenen Themen habe ich erfahren, wie wirksam systemisches Arbeiten sein kann – ein in Deutschland seit 2008 wissenschaftlich anerkanntes Verfahren. Sich der eigenen Glaubenssätze bewusst zu werden, ist dabei der entscheidende Schritt. Denn genau darin liegt die Chance für unsere Kinder: Muster zu verändern, die möglicherweise schon über Generationen weitergegeben wurden – dafür gibt es inzwischen ernstzunehmende Forschung. Ich nenne diese Arbeit für mich „Cyclebreaker-Arbeit“. Wir alle wollen unseren Kindern ein glückliches Leben ermöglichen – doch dafür reicht es nicht, ausschließlich bei den Kindern anzusetzen. Es braucht den Mut, bei sich selbst hinzuschauen.
Dieser Mut fehlt oft – auch mir fiel es nicht immer leicht mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, aber ich habe erlebt wie befreiend und wirksam die innere Arbeit ist. Ich erlebe immer wieder, wie viel bei Kindern „abgeladen“ wird, während Erwachsene sich scheuen, sich mit den eigenen Themen zu beschäftigen. In einer Welt, die immer schneller wird, heißt es schnell: „Dafür habe ich keine Zeit“ oder „Dafür ist kein Geld da.“ Und während dieser Sätze fällt, vergeht wertvolle Zeit, ohne dass sich wirklich etwas verändert.
Wenn ich an die eingangs erwähnten Studien denke: Was wird in zehn Jahren aus den Kindern, die heute zu den 40 Prozent gehören, die nicht ausreichend lesen und rechnen können? Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft, wenn sich daran grundlegend nichts ändert? Ich halte diesen Blick in die Zukunft für unverzichtbar – ebenso wie die emotionale Dimension dieser Frage.
Wir brauchen starke Kinder: Kinder, die sich selbstwirksam erleben und wissen, was sie können. Die spüren, welchen Beitrag sie auf dieser Welt leisten können. Die körperlich und seelisch gesund aufwachsen – und die nicht in Mustern verharren, die nie zu ihnen gepasst haben.
Vielleicht fragst du dich, genau wie ich es eingangs beschrieben habe: „Ich verstehe das gar nicht – was ist denn da heute nur los? Warum ist es bei meinem Kind so schwierig?“ Meine Antwort darauf ist: Es ist nicht dein Kind, das „falsch“ ist. Es ist die Welt um uns herum, die sich grundlegend verändert hat – und mit ihr die Frage, welche Antworten wir wirklich noch brauchen. Genau deshalb lade ich dich ein: Schau nicht zuerst auf dein Kind, sondern auch auf dich selbst. Das ist es, was „anders“ für mich bedeutet – und was ich auch dir wünsche.
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass dich der Druck rund um Schule manchmal mehr beschäftigt, als du zugeben möchtest – dann bist du nicht allein, und du musst das nicht allein durchdenken. In meinem kostenlosen Workbook „Wenn Schule innerlich Druck macht“ bekommst du konkrete Impulse, wie du diesen Druck für dich und deine Familie greifbarer machen und erste Schritte gehen kannst.
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Und wenn du den „anders“-Ansatz aus diesem Artikel nicht nur lesen, sondern wirklich in deinem Familienalltag erleben möchtest: Genau dabei begleite ich dich gerne im Elterncoaching. Hier erfährst du mehr über die Zusammenarbeit mit mir
Liebe Nicole, danke für diesen interessanten Artikel. Ich finde den Peespektivwechsel, den du darlegst, sehr spannend und aufschlussreich und werde einiges daraus für mich mitnehmen.
Liebe Grüße, Theresa