„Ich ver­ste­he das gar nicht. Was ist denn da heu­te nur los? War­um ist es bei mei­nem Kind nur so schwie­rig?“ Die­sen Satz höre ich immer wie­der – von Eltern, die ich im Lern­coa­ching beglei­te, von Freun­din­nen, manch­mal auch von mir selbst. Und ich glau­be, genau die­se Fra­ge trägt jeder von uns irgend­wann in sich.

Mei­ne ehr­li­che Ant­wort dar­auf ist unbe­que­mer, als die meis­ten erwar­ten – und sie ist vor allem mein Ver­such einer Lösungs­fin­dung, kei­ne uni­ver­sel­le Wahr­heit. Für mich liegt es nicht am ein­zel­nen Kind. Etwas in unse­rer Gesell­schaft ist aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten – und Kin­der sind der Spie­gel, der uns das ganz unge­schönt zeigt: das, was wir selbst nicht mehr sehen wol­len.

In die­sem Arti­kel zei­ge ich dir, aus mei­ner Sicht: was unser über 200 Jah­re altes Schul­sys­tem damit zu tun hat, was sich an der Lebens­rea­li­tät von Kin­dern heu­te wirk­lich ver­än­dert hat, war­um unser Bil­dungs­sys­tem an den fal­schen Stel­len ansetzt – und was „anders“ für mich bedeu­tet.

Das Wich­tigs­te in Kür­ze

  • Wir alle waren Schul­kin­der – des­halb hal­ten wir uns für Exper­ten. Aber unser Schul­sys­tem ist über 200 Jah­re alt, die Kind­heit von heu­te ist es nicht.
  • Smart­phones, end­lo­se Mög­lich­kei­ten und Reiz­über­flu­tung ver­än­dern, wie Kin­der auf­wach­sen – grund­le­gend.
  • Ver­än­der­te Fami­li­en­struk­tu­ren und Bewe­gungs­man­gel ver­stär­ken die­se Ent­wick­lung zusätz­lich.
  • Bil­dungs­po­li­tik kuriert Sym­pto­me, nicht Wur­zeln – selbst bewie­se­ne Lösun­gen blei­ben unge­nutzt.
  • „Anders“ bedeu­tet für mich: nicht nur beim Kind hin­schau­en, son­dern auch bei mir selbst.

War­um wir uns alle für Schul-Exper­ten hal­ten

Jeder von uns war mal Schul­kind. Weil wir alle selbst durch die Schu­le gegan­gen sind, glaubt fast jeder, auto­ma­tisch ein Exper­te für das The­ma Schu­le zu sein. „Bei mir hat das doch auch funk­tio­niert“ oder „so muss das eben sein“ – die­se Sät­ze fal­len schnell, wenn es um Schul­all­tag, Haus­auf­ga­ben oder Erzie­hung geht.

Natür­lich wol­len Eltern ihren Kin­dern hel­fen. Aber das, was ihnen dafür zur Ver­fü­gung steht, ist meist nur ihr eige­nes Wis­sen – die eige­ne Schul­zeit, die sie selbst mehr oder weni­ger erfolg­reich durch­lau­fen haben. Mit die­sem Wis­sen ver­su­chen sie, ihre Kin­der zu unter­stüt­zen. Und ja, das hat lan­ge Zeit auch ganz gut funk­tio­niert.

Ich war über 20 Jah­re im Schul­dienst – und ich habe genau die­sen Bruch haut­nah mit­er­lebt. Als ich 2014 aus der Eltern­zeit zurück­kam, hat­te ich das Gefühl, die Welt hät­te sich in der Zwi­schen­zeit unglaub­lich schnell wei­ter­ge­dreht. Im Rück­blick ist das kein Zufall: Genau in die­sen Jah­ren wur­de aus dem Smart­phone ein Mas­sen­phä­no­men – 2012 hat­te gera­de mal jeder Drit­te in Deutsch­land eines, zwei, drei Jah­re spä­ter war es die deut­li­che Mehr­heit. Die­se Geschwin­dig­keit der Ver­än­de­rung hat es so vor­her nie gege­ben.

Das Pro­blem: Unser Schul­sys­tem mit sei­nen Klas­sen­ver­bän­den, Fächern und fes­ten Lehr­plä­nen geht auf Refor­men zurück, die über 200 Jah­re alt sind. Com­pu­ter kamen für die brei­te Bevöl­ke­rung erst in den 1980er-Jah­ren ins Haus – der Com­mo­do­re C64 kam 1982 auf den Markt, und ich selbst habe als Kind noch auf so einem frü­hen Com­pu­ter Adven­ture-Games mit ruck­li­ger Gra­fik gespielt, wie das legen­dä­re „Maniac Man­si­on“ von 1987. Das Smart­phone in der Tasche jedes Kin­des ist sogar noch viel jün­ger – das ist gera­de ein­mal gut zehn Jah­re her. Die Erfah­rung, auf die wir uns beru­fen, wenn wir uns selbst für „Schul-Exper­ten“ hal­ten, ist meist nur unse­re eige­ne – oft Jahr­zehn­te zurück­lie­gen­de – Schul­zeit, in einer Welt ganz ohne Smart­phones, Social Media und per­ma­nen­te Erreich­bar­keit.

Die Lebens­rea­li­tät der Kin­der heu­te – was wirk­lich anders ist

Wenn ich mit mei­nen eige­nen Kin­dern über die­ses The­ma spre­che, mer­ke ich, wie schnell mir selbst Sät­ze raus­rut­schen wie: „Frü­her waren wir doch auch stän­dig drau­ßen unter­wegs.“ Und das stimmt. Ich bin auch sehr froh, dass ich die­se Kind­heit hat­te. Aber gleich­zei­tig wird mir dabei jedes Mal klar: Die Räu­me, die ich damals hat­te, exis­tie­ren so für mei­ne Kin­der schlicht nicht mehr in der glei­chen Form.

Was sich aber noch grund­le­gen­der ver­än­dert hat, ist der Umgang mit Wis­sen selbst. Ich bin mit Lexi­ka und Biblio­theks­be­su­chen auf­ge­wach­sen – Wis­sen muss­te man sich erar­bei­ten, Schritt für Schritt. Mei­ne Kin­der kom­men dage­gen in eine Welt, in der von Geburt an klar ist: Jedes Wis­sen ist sofort ver­füg­bar. Das ver­än­dert nicht nur, WIE sie ler­nen, son­dern auch ihr gan­zes Selbst­ver­ständ­nis von Wis­sen und Ler­nen.

Und trotz­dem beob­ach­te ich bei mei­nen eige­nen Jungs: Die­se enor­me Mög­lich­keit wird oft gar nicht ziel­ge­rich­tet genutzt. Das Smart­phone dient nicht sel­ten der Ablen­kung und Unter­hal­tung – nicht, weil die Kin­der „es nicht bes­ser wüss­ten“, son­dern weil schlicht noch nie­mand wirk­lich auf­ge­ar­bei­tet hat, wie man mit die­ser völ­lig neu­en Ver­füg­bar­keit von Wis­sen sinn­voll umgeht. Das ist, glau­be ich, eine der gro­ßen unbe­ant­wor­te­ten Fra­gen unse­rer Zeit – und genau hier hakt es auch in der Schu­le.

Die Kon­kur­renz um Auf­merk­sam­keit

Der größ­te Unter­schied zu frü­her ist viel­leicht die­ser: Nie­mand hat mehr Zeit. Und das Smart­phone ist zum größ­ten Kon­kur­ren­ten um genau die­se Zeit gewor­den – auch bei Kin­dern. Schau dich um, egal wo: Kaum jemand war­tet noch irgend­wo, ohne sich abzu­len­ken. Kin­der erle­ben das von Anfang an. Schon im Kin­der­wa­gen sehen sie oft kein Gesicht mehr, son­dern den Bild­schirm davor.

Das ist kein Gefühl, das ich mir ein­bil­de. Eine gro­ße Über­sichts­stu­die aus dem Jahr 2025, die über 23.000 Fami­li­en und 30 Ein­zel­stu­di­en aus­wer­te­te, kommt zu einem kla­ren Ergeb­nis: Wird die elter­li­che Auf­merk­sam­keit häu­fig durch das Smart­phone unter­bro­chen („Tech­nofe­rence“ nennt die For­schung das), zei­gen Kin­der deut­lich mehr Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten, Pro­ble­me mit der emo­tio­na­len Regu­la­ti­on und sogar Ver­zö­ge­run­gen in der Sprach­ent­wick­lung. Je öfter die Unter­bre­chun­gen, des­to stär­ker die Aus­wir­kun­gen. Es geht also nicht dar­um, das Smart­phone zu ver­teu­feln – son­dern dar­um, dass Kin­der wie­der wirk­lich gese­hen wer­den, ohne Ablen­kung, ohne zwan­zig Gedan­ken gleich­zei­tig im Kopf.

Zu vie­le Mög­lich­kei­ten, zu wenig Ruhe

Das Inter­net gibt uns Zugang zur gan­zen Welt – und damit auch unend­lich vie­le Mög­lich­kei­ten. Ich habe das selbst sehr stark gespürt, als mei­ne Kin­der klein waren: Allein die Aus­wahl an Ver­an­stal­tun­gen, die ich toll fand, hat mich unter Druck gesetzt.

Die­ses Gefühl hat einen Namen: das Aus­wahl­pa­ra­dox. Schon im Jahr 2000 zeig­te ein inzwi­schen klas­si­sches Expe­ri­ment, dass Men­schen bei einer rie­si­gen Aus­wahl an Mar­me­la­den­sor­ten sel­te­ner über­haupt etwas kauf­ten als bei einer klei­nen Aus­wahl – zu vie­le Optio­nen läh­men, statt zu befrei­en. Der Psy­cho­lo­ge Bar­ry Schwartz hat dar­aus spä­ter sein bekann­tes Kon­zept vom „Para­dox of Choice“ ent­wi­ckelt: Mehr Optio­nen bedeu­ten mehr Reue, mehr Ver­gleichs­druck, mehr das Gefühl, etwas zu ver­pas­sen. Über­tra­gen auf unse­ren All­tag mit Kin­dern heißt das: Je mehr uns „zur Ver­fü­gung steht“, des­to grö­ßer der inne­re Druck, all das auch nut­zen zu müs­sen – und des­to stär­ker das Gefühl, nicht gut genug zu sein, wenn man es nicht tut.

Gera­de bei Kin­dern erle­be ich oft das genaue Gegen­teil: Im Wald, wo es kaum etwas „gibt“, kom­men sie irgend­wann zur Ruhe und wer­den krea­tiv. Das ist auch wis­sen­schaft­lich belegt: Stu­di­en zu Wald­kin­der­gär­ten zei­gen, dass Kin­der dort in stan­dar­di­sier­ten Krea­ti­vi­täts­tests deut­lich bes­ser abschnei­den als Kin­der aus klas­si­schen Kin­der­gär­ten – und der Bun­des­ver­band der Natur- und Wald­kin­der­gär­ten beschreibt genau die­sen Effekt: Spiel in Selbst­be­stim­mung und Gelas­sen­heit, ganz ohne Reiz­über­flu­tung, wirkt sich nach­weis­lich posi­tiv auf Selbst­wert und men­ta­les Wohl­be­fin­den aus. Weni­ger ist eben oft wirk­lich mehr.

Elek­tro­smog & das Gefühl, immer erreich­bar zu sein

In unse­ren Schu­len zie­hen WLAN-Ver­stär­ker, digi­ta­le Tafeln und Smart­wat­ches ein – Kin­der sind heu­te fast durch­ge­hend erreich­bar und track­bar. Das nimmt ihnen ein Stück Frei­heit, das wir frü­her selbst­ver­ständ­lich hat­ten: ein­fach mal nicht erreich­bar zu sein.

Wie gesund­heits­schäd­lich Elek­tro­smog im enge­ren Sinn tat­säch­lich ist, wird wis­sen­schaft­lich kon­tro­vers dis­ku­tiert – offi­zi­el­le Stel­len wie das Bun­des­amt für Strah­len­schutz sehen bis­lang kei­nen nach­ge­wie­se­nen Zusam­men­hang, auch wenn wei­ter geforscht wird. Ein­deu­ti­ger belegt ist dage­gen etwas ande­res: der Effekt der stän­di­gen Erreich­bar­keit selbst. Eine Stu­die der Uni­ver­si­ty of Texas zeig­te, dass schon die blo­ße Anwe­sen­heit eines Smart­phones im Raum die kogni­ti­ve Leis­tungs­fä­hig­keit mess­bar senkt – selbst wenn es stumm und unbe­rührt daliegt. Und For­schung der Uni­ver­si­tät Frei­burg belegt, dass Men­schen, die stän­dig erreich­bar sein müs­sen, deut­lich gestress­ter sind.

Ich gehe inzwi­schen bewusst ohne Han­dy spa­zie­ren – und genau die­ses „nicht erreich­bar sein“ macht ganz viel aus. Sonst schaut man doch noch mal schnell nach, „ach, da könn­te ich noch…“ Es hält uns davon ab, im Hier und Jetzt zu leben. Bei Kin­dern ent­steht genau das­sel­be – nur ken­nen sie es gar nicht anders. Sie sind in eine per­ma­nen­te Erreich­bar­keit hin­ein­ge­bo­ren, die es frü­her schlicht nicht gab.

Eine Idee davon, wie es ist, sich dem Medi­um Han­dy und der Nach­rich­ten­flut bewusst zu ent­zie­hen, kannsr du z.B. in fol­gen­dem Bei­trag bekom­men: https://junizeit.de/leben-ohne-nachrichten/. Sich bewuss­ter mit dem eig­ne­nen Medi­en­kon­sum aus­ein­an­der­zu­set­zen, ist für mich uner­läss­lich und hat Aus­wir­kun­gen auf das gesam­te Fami­li­en­le­ben. Und wenn ich wei­ter den­ke und vie­le Men­schen sich damit beschäf­ti­gen- auch auf unse­re gan­ze Gesell­schaft, so dass wir wie­der ande­re Vor­bil­der für unse­re Kin­der sein kön­nen- unab­hän­gig davon, ob wir selbst wel­che haben.

Ver­än­der­te Fami­li­en­struk­tu­ren & ein neu­es Erzie­hungs­ver­ständ­nis

Auch die fami­liä­re Situa­ti­on hat sich grund­le­gend ver­än­dert. Laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt gibt es inzwi­schen knapp 3 Mil­lio­nen Allein­er­zie­hen­de in Deutsch­land, rund jedes fünf­te Kind wächst in einem Haus­halt ohne bei­de Eltern­tei­le auf. Patch­work-Kon­stel­la­tio­nen, die frü­her die Aus­nah­me waren, sind heu­te All­tag für vie­le Fami­li­en.

Gleich­zei­tig hat sich auch das Erzie­hungs­ver­ständ­nis ver­än­dert: Vie­le Eltern – ich neh­me mich da gar nicht raus – ori­en­tie­ren sich stark an Bin­dung und Bezie­hung zum Kind. Das ist grund­sätz­lich gut und rich­tig. Schwie­rig wird es aber, wenn Bin­dungs­ori­en­tie­rung ohne kla­re Gren­zen gelebt wird. Die Erzie­hungs­for­schung unter­schei­det hier schon lan­ge: Es ist nicht die Bin­dung an sich, die Kin­dern fehlt – es ist die Kom­bi­na­ti­on aus Bin­dung UND Füh­rung. Feh­len kla­re Gren­zen, zei­gen Kin­der nach­weis­lich weni­ger Selbst­kon­trol­le und ent­wi­ckeln sich spä­ter weni­ger eigen­stän­dig. Sie ler­nen nicht, mit Frus­tra­ti­on umzu­ge­hen, weil sie sel­ten die Erfah­rung machen, dass eine Gren­ze auch mal bestehen bleibt.

Genau das habe ich auch zuneh­mend in der Schu­le erlebt und sehe es gene­rell, wo ich Kin­dern begeg­ne oder im All­tag beob­ach­te: Kin­der, die nie gelernt haben, Frust aus­zu­hal­ten oder sich selbst zu regu­lie­ren, fal­len dort schnel­ler auf – nicht, weil sie „schwie­ri­ge Kin­der“ sind, son­dern weil ihnen eine Fähig­keit fehlt, die frü­her selbst­ver­ständ­li­cher mit­trai­niert wur­de.

War­um man neue Pro­ble­me nicht mit alten Mus­tern löst

Sym­bol­po­li­tik statt Wur­zel­be­hand­lung

Wäh­rend Deutsch­land bei der jüngs­ten UNICEF-Aus­wer­tung zu Bil­dungs­chan­cen nur Platz 34 von 37 belegt und 40 Pro­zent der 15-Jäh­ri­gen nicht ein­mal die Min­dest­kom­pe­tenz in Lesen und Mathe­ma­tik errei­chen, dis­ku­tiert die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz mona­te­lang dar­über, ob die Bun­des­ju­gend­spie­le mit Stopp­uhr oder als Wett­be­werb statt­fin­den sol­len. Selbst die Leh­rer­ge­werk­schaft GEW hat das öffent­lich kri­ti­siert: Die­se Debat­te lenkt von den eigent­li­chen Pro­ble­men ab – feh­len­de Sport­hal­len, feh­len­de Lehr­kräf­te, zu gro­ße Klas­sen. Bis 2035 feh­len laut Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz rech­ne­risch rund 50.000 Lehr­kräf­te. Das ist für mich das Sym­bol­bild eines Sys­tems, das an der Ober­flä­che her­um­schraubt, wäh­rend die Wur­zel unan­ge­tas­tet bleibt.

Der Blick auf ande­re Län­der zeigt: Es geht auch anders. In Frank­reich ist Ganz­tags­schu­le seit über 140 Jah­ren so selbst­ver­ständ­lich, dass es im Fran­zö­si­schen nicht ein­mal einen Begriff für „Halb­tags­schu­le“ gibt – mit fes­ter Mit­tags­pau­se, inte­grier­ter Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung und durch­dach­ten Struk­tu­ren, statt nach­träg­lich auf­ge­setz­tem Flick­werk. Und Polen zeigt sogar das Gegen­teil von dem, was bei uns oft befürch­tet wird: Ein nach­weis­lich erfolg­rei­ches Schul­sys­tem, das pol­ni­sche Schü­ler 2018 an die euro­päi­sche PISA-Spit­ze brach­te, wur­de aus poli­ti­schen Grün­den wie­der abge­schafft. Auch das ist „altes Mus­ter“: Funk­tio­nie­ren­de Lösun­gen wer­den nicht geschützt, son­dern der nächs­ten poli­ti­schen Agen­da geop­fert.

Trotz­dem will ich ehr­lich sein: Das schwe­di­sche Ganz­tags­mo­dell mit eige­nem Koch- und Biblio­theks­per­so­nal, Schulpsycholog:innen und Sozialarbeiter:innen ist beein­dru­ckend gut aus­ge­stat­tet – und trotz­dem ist Schwe­den bei den letz­ten PISA-Ergeb­nis­sen selbst ein­ge­bro­chen. Für mich per­sön­lich ist das Modell ohne­hin kein Ide­al, dem ich nach­ei­fern wür­de. Ich glau­be nach wie vor, dass es für Kin­der am bes­ten ist, nicht stän­dig fremd­be­treut zu sein, son­dern in der Fami­lie fes­te Struk­tu­ren zu erle­ben. Das Pro­blem ist nur: Genau die­se Struk­tu­ren sind für vie­le Fami­li­en gar nicht mehr rea­lis­tisch. Die Wohn­kos­ten allein fres­sen heu­te rund ein Vier­tel des Haus­halts­ein­kom­mens, und im Schnitt braucht es 1,5 Gehäl­ter, damit ein Kind nicht armuts­ge­fähr­det auf­wächst. Dass bei­de Eltern­tei­le arbei­ten gehen, ist für vie­le also kei­ne Wahl, son­dern Not­wen­dig­keit – und Kin­der sind hier wie­der die Leid­tra­gen­den, weil ihnen Auf­merk­sam­keit fehlt.

Und ich glau­be, das eigent­li­che Pro­blem ent­steht erst in der Kom­bi­na­ti­on: Frü­her haben Men­schen auch viel gear­bei­tet – aber die Zeit, die dann als Fami­lie blieb, war unge­teil­te Zeit, ohne Smart­phone, ohne Ablen­kung. Heu­te ist die ohne­hin schon knap­pe­re gemein­sa­me Zeit zusätz­lich von genau der Auf­merk­sam­keits­kon­kur­renz betrof­fen, die wir vor­hin schon bespro­chen haben. Weni­ger Zeit UND weni­ger Prä­senz in die­ser Zeit – das trifft Kin­der dop­pelt.

Mein eige­nes Bei­spiel: Wie mit Res­sour­cen umge­gan­gen wird

Das habe ich selbst erlebt. Als ich mei­ne Eltern­zeit ein­ge­reicht hat­te, war ich noch ein­mal im Schul­amt, um zu erklä­ren, war­um ich die­sen Schritt gehe – und um nach­zu­fra­gen, ob es ande­re Ein­satz­mög­lich­kei­ten oder Jobs für mich gibt. Die Ant­wort war der Satz mit dem Leh­rer­man­gel. Wenn man selbst bei so einer nahe­lie­gen­den Nach­fra­ge kei­ne wirk­lich ziel­füh­ren­de Lösung anbie­tet, wun­dert es mich nicht, dass das Sys­tem auf wack­li­gen Bei­nen steht – ganz unab­hän­gig von der Fra­ge, ob die Ein­rich­tun­gen zeit­ge­mäß sind oder nicht.

Bewe­gungs­man­gel & ver­pass­te Chan­cen

Dass Kin­der heu­te ins­ge­samt weni­ger drau­ßen sind, hat noch eine wei­te­re Kon­se­quenz, die in der Bil­dungs­de­bat­te kaum vor­kommt: Sie bewe­gen sich ins­ge­samt zu wenig. Nur 10,8 Pro­zent der Mäd­chen und 20,9 Pro­zent der Jun­gen in Deutsch­land errei­chen die von der WHO emp­foh­le­nen 60 Minu­ten Bewe­gung pro Tag. Das merkt man im Schul­all­tag ganz direkt: Was frü­her offen­bar noch funk­tio­niert hat – ruhig auf einem Stuhl sit­zen, über Stun­den kon­zen­triert blei­ben –, schaf­fen heu­te vie­le Kin­der ein­fach nicht mehr. Und das liegt nicht an man­geln­der Dis­zi­plin, son­dern schlicht dar­an, dass ihnen die Bewe­gung fehlt, die sie dafür eigent­lich bräuch­ten.

Dabei gab es sogar schon einen Beweis dafür, dass klei­ne­re, ent­zerr­te Klas­sen funk­tio­nie­ren: In der Coro­na-Zeit wur­den Klas­sen zeit­wei­se geteilt, damit über­haupt Unter­richt statt­fin­den konn­te. Sowohl Schü­ler als auch Lehr­kräf­te bewer­te­ten das auf­fal­lend posi­tiv – der Unter­richt war ent­spann­ter, Lehr­kräf­te konn­ten viel geziel­ter auf ein­zel­ne Lern­lü­cken ein­ge­hen, und die Klas­sen­ge­mein­schaft wirk­te ruhi­ger. Es war also kei­ne Theo­rie, son­dern geleb­te Pra­xis, dass klei­ne­re Grup­pen bes­ser funk­tio­nie­ren. Trotz­dem hat sich seit­dem nichts ver­än­dert – die Klas­sen­grö­ßen gehen ten­den­zi­ell sogar wie­der nach oben. Genau das ist für mich der eigent­li­che Skan­dal: Wir hat­ten den Beweis, was hilft, und haben ihn ein­fach wie­der lie­gen las­sen.

Hier könn­te man ein­wen­den: Aber die Hat­tie-Stu­die sagt doch, Klas­sen­grö­ße wirkt kaum! Das stimmt – und ist trotz­dem kein Wider­spruch. Klei­ne­re Klas­sen sind nicht der Wirk­fak­tor selbst, son­dern die Vor­aus­set­zung dafür: Erst in klei­ne­ren Grup­pen ist wirk­lich Raum für das, was laut Hat­tie tat­säch­lich zählt – Feed­back, indi­vi­du­el­le Auf­merk­sam­keit, eine ruhi­ge Lernat­mo­sphä­re. Kin­der spü­ren die­sen Unter­schied ganz direkt, auch wenn er sich nicht eins zu eins in Hat­ties Sta­tis­tik als „Klas­sen­grö­ße“ nie­der­schlägt.

Ich habe selbst in mei­ner eige­nen Klas­se wäh­rend Coro­na erlebt, wie posi­tiv Kin­der eine ruhi­ge­re, weni­ger reiz­über­flu­te­te Lernat­mo­sphä­re wahr­ge­nom­men haben. Was das mit der wach­sen­den Zahl hoch­sen­si­bler und als ADHS dia­gnos­ti­zier­ter Kin­der zu tun haben könn­te – dazu kommt bald ein eige­ner Arti­kel.

Was „anders“ für mich wirk­lich bedeu­tet

Im Namen „anders. macht Schu­le.“ ste­cken für mich zwei Din­ge auf ein­mal: die Schu­le, um die es hier geht – und der Anspruch, dass sich etwas Neu­es durch­setzt und Schu­le macht, im bes­ten Sin­ne des Wor­tes. Bei­des gehört für mich zusam­men. Ent­stan­den ist er aus einer sehr per­sön­li­chen Erkennt­nis: Mein Weg ins Coa­ching begann mit der Ein­sicht, dass auch die Puber­tät mei­ner eige­nen Kin­der ein Schatz sein kann, wenn man sie als sol­chen begreift. Mir wur­de klar, dass häu­fig nicht das Ver­hal­ten mei­ner Kin­der das eigent­li­che Pro­blem war, son­dern mei­ne eige­ne Hal­tung dazu – und dass sich die­se Hal­tung ver­än­dern lässt. Ande­re Denk­wei­sen ermög­li­chen ande­re Hand­lun­gen. In mei­ner Coa­chingaus­bil­dung habe ich die­sen Mecha­nis­mus ver­stan­den: Ande­re Gedan­ken erzeu­gen ande­re Gefüh­le, ande­re Gefüh­le füh­ren zu ande­rem Han­deln.

Genau die­ser Zusam­men­hang ist die Grund­la­ge für alles, was ich in die­sem Arti­kel beschrie­ben habe. Wir leben in einer hoch­kom­ple­xen Welt, ohne dass jemand mit einer Gebrauchs­an­lei­tung dafür aus­ge­stat­tet wäre. Also grei­fen wir auf das zurück, was wir ken­nen – und genau das funk­tio­niert nicht mehr.

Durch mei­ne Coa­chingaus­bil­dung und die Arbeit an mei­nen eige­nen The­men habe ich erfah­ren, wie wirk­sam sys­te­mi­sches Arbei­ten sein kann – ein in Deutsch­land seit 2008 wis­sen­schaft­lich aner­kann­tes Ver­fah­ren. Sich der eige­nen Glau­bens­sät­ze bewusst zu wer­den, ist dabei der ent­schei­den­de Schritt. Denn genau dar­in liegt die Chan­ce für unse­re Kin­der: Mus­ter zu ver­än­dern, die mög­li­cher­wei­se schon über Gene­ra­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben wur­den – dafür gibt es inzwi­schen ernst­zu­neh­men­de For­schung. Ich nen­ne die­se Arbeit für mich „Cycle­brea­k­er-Arbeit“. Wir alle wol­len unse­ren Kin­dern ein glück­li­ches Leben ermög­li­chen – doch dafür reicht es nicht, aus­schließ­lich bei den Kin­dern anzu­set­zen. Es braucht den Mut, bei sich selbst hin­zu­schau­en.

Die­ser Mut fehlt oft – auch mir fiel es nicht immer leicht mich mit mir selbst aus­ein­an­der­zu­set­zen, aber ich habe erlebt wie befrei­end und wirk­sam die inne­re Arbeit ist. Ich erle­be immer wie­der, wie viel bei Kin­dern „abge­la­den“ wird, wäh­rend Erwach­se­ne sich scheu­en, sich mit den eige­nen The­men zu beschäf­ti­gen. In einer Welt, die immer schnel­ler wird, heißt es schnell: „Dafür habe ich kei­ne Zeit“ oder „Dafür ist kein Geld da.“ Und wäh­rend die­ser Sät­ze fällt, ver­geht wert­vol­le Zeit, ohne dass sich wirk­lich etwas ver­än­dert.

Wenn ich an die ein­gangs erwähn­ten Stu­di­en den­ke: Was wird in zehn Jah­ren aus den Kin­dern, die heu­te zu den 40 Pro­zent gehö­ren, die nicht aus­rei­chend lesen und rech­nen kön­nen? Wohin ent­wi­ckelt sich unse­re Gesell­schaft, wenn sich dar­an grund­le­gend nichts ändert? Ich hal­te die­sen Blick in die Zukunft für unver­zicht­bar – eben­so wie die emo­tio­na­le Dimen­si­on die­ser Fra­ge.

Wir brau­chen star­ke Kin­der: Kin­der, die sich selbst­wirk­sam erle­ben und wis­sen, was sie kön­nen. Die spü­ren, wel­chen Bei­trag sie auf die­ser Welt leis­ten kön­nen. Die kör­per­lich und see­lisch gesund auf­wach­sen – und die nicht in Mus­tern ver­har­ren, die nie zu ihnen gepasst haben.

Viel­leicht fragst du dich, genau wie ich es ein­gangs beschrie­ben habe: „Ich ver­ste­he das gar nicht – was ist denn da heu­te nur los? War­um ist es bei mei­nem Kind so schwie­rig?“ Mei­ne Ant­wort dar­auf ist: Es ist nicht dein Kind, das „falsch“ ist. Es ist die Welt um uns her­um, die sich grund­le­gend ver­än­dert hat – und mit ihr die Fra­ge, wel­che Ant­wor­ten wir wirk­lich noch brau­chen. Genau des­halb lade ich dich ein: Schau nicht zuerst auf dein Kind, son­dern auch auf dich selbst. Das ist es, was „anders“ für mich bedeu­tet – und was ich auch dir wün­sche.

Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass dich der Druck rund um Schu­le manch­mal mehr beschäf­tigt, als du zuge­ben möch­test – dann bist du nicht allein, und du musst das nicht allein durch­den­ken. In mei­nem kos­ten­lo­sen Work­book „Wenn Schu­le inner­lich Druck macht“ bekommst du kon­kre­te Impul­se, wie du die­sen Druck für dich und dei­ne Fami­lie greif­ba­rer machen und ers­te Schrit­te gehen kannst.

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Und wenn du den „anders“-Ansatz aus die­sem Arti­kel nicht nur lesen, son­dern wirk­lich in dei­nem Fami­li­en­all­tag erle­ben möch­test: Genau dabei beglei­te ich dich ger­ne im Eltern­coa­ching. Hier erfährst du mehr über die Zusam­men­ar­beit mit mir