Ein Gastartikel von Ulrike Wolf
Ulrike ist vor kurzem über meinen Blog gestolpert und hat mich angeschrieben. Bei einem Austausch wurde schnell klar: Wir beschäftigen uns mit sehr ähnlichen Themen, die sich toll ergänzen. Ulrike schreibt aus der Perspektive der Nervensystemregulation und Bindung, ich aus der Schulstress-Perspektive.
Deshalb bin ich total froh, heute ihren Gastartikel hier vorstellen zu können, und im Gegenzug findest du auch einen Artikel von mir auf ihrem Blog, über Naturerfahrung und Nervensystemregulation.
Hier kommt Ulrikes Artikel mit einer tollen Anregung: wie Spielen ausgerechnet an den anstrengendsten Nachmittagen helfen kann- nämlich bei den Hausaufgaben.
Viertel nach drei.
Auf dem Tisch liegen Matheheft, Bleistift und ein Radiergummi, der gleich zur Wurfwaffe wird.
Du setzt dich dazu. Eigentlich nur kurz. Eigentlich nur, um zu helfen.
Dein Kind starrt auf die erste Aufgabe, als stünde dort Chinesisch. Du holst Luft. Noch bist du ruhig. Noch.
Fünf Minuten später platzt es aus dir heraus. Nicht, weil du laut sein wolltest. Oder du dein Kind für dumm hältst. Sondern weil dein Tag auch stressig und voll war. Und die Hausaufgabenbegleitung bringt dein Stress-Fass buchstäblich zum Überlaufen.
Was, wenn ich dir verrate, dass es möglich ist, Wasser (Stress) aus dem Fass abzulassen, bevor es überläuft? Und dass das sogar Spaß macht. Willst du wissen, wie das geht? Dann lies weiter.
Zwei erschöpfte Nervensysteme an einem Tisch
Bei Hausaufgaben-Stress wird meistens über das Kind, das keine Lust hat, gesprochen. Über Tränen, über Verweigerung, über Trotz.
Aber am Tisch sitzt nicht nur dein Kind, dort sitzt auch du. Ihr beide mit euren erschöpften Nervensystemen an einem Tisch.
Dein Kind hat sechs Stunden stillgesessen, zugehört, sich angepasst, funktioniert. Du hast einen Job hinter dir, vielleicht noch eine Mail im Kopf, die du eigentlich noch schreiben müsstest. Beide kommt ihr erschöpft an diesem Tisch an. Beide habt ihr nicht mehr viel Kapazität übrig.
Und das ist der Grund, warum „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ hier nicht aufgeht. Es klingt nach einer vernünftigen Reihenfolge. Ist es aber nicht, wenn ihr beide gestresst seid. Aus diesem Zustand heraus lässt sich schlecht lernen. Und auch schlecht begleiten.
Was an diesem Tisch nicht hilft
Die üblichen Tipps kennst du wahrscheinlich. Tief durchatmen, bevor es losgeht. Ein Belohnungssystem für mehr Motivation einführen. Oder im Zweifel mit Konsequenzen strafen.
Belohnung und Strafe wirken auf den ersten Blick wie Gegensätze. Sind sie aber nicht. Beide sind zwei Seiten derselben Medaille: Du steuerst das Verhalten deines Kindes.
Das kann (wenn überhaupt) nur kurzfristig funktionieren. Denn so entsteht keine intrinsische Motivation, also der innere Antrieb, etwas aus eigenem Willen zu tun. Schlimmer noch: Belohnung und Strafe können genau diese intrinsische Motivation auf Dauer zerstören.
Dabei bringen Kinder eine angeborene Lernfreude mit. Sie stecken Rückschläge erstaunlich gut weg. Mir ist noch kein Kind begegnet, das sich vom Laufenlernen abhalten ließ, nur weil es zu oft hingefallen ist. Kinder wollen entdecken, ausprobieren und verstehen. Aber sie machen das im Spiel und nicht unter Stress. In der Regel machen sie es, wenn sie dazu bereit sind.
Genau da liegt das eigentliche Problem. Schulen unterrichten in Klassen. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ausgerechnet alle Kinder einer Klasse gleichzeitig bereit für Bruchrechnung sind, nur weil das gerade auf dem Lehrplan steht.
Den Lehrplan können wir als Eltern nicht beeinflussen. Aber wir können entscheiden, wie sehr wir die Beziehung zu unserem Kind von diesem Lehrplan bestimmen lassen. Meine Meinung dazu: Keine Hausaufgabe der Welt ist es wert, dass ihr euch deswegen streitet.
Was ihr statt Belohnung oder Strafe braucht, ist etwas, das euch beide gleichzeitig erreicht. Etwas, das euch auf eine verbindende Ebene bringt. Dich und dein Kind.
Was stattdessen hilft: Verbindung
Hier kommt die Bindungsforschung ins Spiel. Unser Nervensystem reguliert sich nicht nur allein. Es reguliert sich auch über Beziehung. Fachleute nennen das Co-Regulation: Ein Nervensystem hilft einem anderen, wieder in Balance zu kommen.
Bei Babys passiert das automatisch, wenn sie in den Arm genommen und getröstet werden. Bei größeren Kindern, die vor Matheaufgaben sitzen, kann Co-Regulation sehr gut durch Bindungsspiele gelingen.
Was sind Bindungsspiele? Bindungsspiele sind spontane, spielerische Momente zwischen dir und deinem Kind. Sie brauchen kein besonderes Spielzeug, keine feste Regie und vor allem: keine Gewinner oder Verlierer. Die Entwicklungspsychologin Aletha Solter hat das Konzept systematisch beschrieben. Was bei jedem Bindungsspiel passiert: Ihr lacht gemeinsam, und genau dieses Lachen schüttet Oxytocin aus und senkt das Stresshormon Cortisol.
Es gibt verschiedene Formen von Bindungsspielen. Für die Hausaufgabensituation eignen sich besonders drei:
- Bei einem Machtumkehrspiel kann dein Kind durch den Rollentausch (du bist schwach, tollpatschig oder ängstlich, dein Kind stark, schlau, und mutig) Ohnmachtsgefühle, die sich über den Tag angesammelt haben, abbauen.
- Bei einem Nonsensspiel macht ihr ganz bewusst Quatsch (Sätze verdrehen, übertriebenes Reagieren, etc.) und löst so aufgestaute Anspannung. Unsinn machen ist für ein erschöpftes Nervensystem oft der schnellste Weg zurück in die Leichtigkeit, bei Kindern wie bei Erwachsenen.
- Bei einem Kontingenzspiel reagierst du auf eine vorhersehbare, lustige Weise (Grimasse, bestimmtes Geräusch) und gibst so deinem Kind das Gefühl von Kontrolle zurück.
Die Verbindung selbst ist dabei der Mechanismus, der Stress auflöst. Und das Schöne dabei: Dein eigenes Lachen reguliert dich und dein Kind genauso wie das Lachen deines Kindes dein Kind und dich reguliert.
In den letzten Monaten habe ich immer wieder selbst deutlich erfahren, wie die Bindungsspiele unsere Nachmittage gerettet haben. Das erste Schuljahr war für mein jüngstes Kind richtig, richtig anstrengend. Denn sein großes Autonomiebedürfnis kollidierte regelmäßig mit den Erfordernissen des Schulalltags. Und dann am Nachmittag noch die Schreib- und Leseübungen. Das war nun wirklich zu viel!
„Immer wollt ihr, dass ich übe! Immer! Ich will aber gar nicht lernen!“
Die Wutausbrüche, die ich in dieser Zeit begleiten durfte, mag ich gar nicht zählen. Aber nicht üben, war keine Option, denn ihm ist nichts „zugeflogen“. Also haben wir gespielt. Immer vor den Hausaufgaben, manchmal auch schon auf dem Weg von der Schule nach Hause. Und häufig auch während der Hausaufgaben.
Bindungsspiele vor den Hausaufgaben
Selbst wenn bei euch der Nachmittag entspannt beginnt, lohnt es sich zusätzlich eine 5- bis 15-minütige Spielpause einzulegen. Und zwar direkt, bevor das erste Heft aufgeschlagen wird und ohne Bezug zur Aufgabe.
Du fragst dich, was ihr spielen könnt? Hier sind drei konkrete Spielideen:
- Die Kissenschlacht (Machtumkehrspiel): Ein wirklich effektiver Klassiker. Geh immer wieder dramatisch zu Boden (oder lass dich aufs Sofa fallen), jammere was das Zeug hält und lass dich auf jeden Fall bezwingen. Bewegung und Körperkontakt setzen Energie frei. Ohne dieses Ventil entlädt sich die Energie oft als Widerstand am Tisch.
- Das Quatsch-Ritual (Nonsensspiel): Ein erfundener Handschlag, ein albernes Codewort, eine kleine Begrüßungs-Choreografie, die nur ihr beide kennt. Klein, schnell, aber genug, um Beziehung wieder spürbar zu machen, bevor Konzentration gefragt ist.
- Die Falle (Machtumkehrspiel): Auch hier werden wieder die Rollen getauscht. Dein Kind schiebt dich durch die Gegend, drängt dich in die Ecke. Du sitzt fest, kannst dich nicht befreien (weil dein Kind viel stärker ist) und jammerst dabei fürchterlich. Kommst du doch frei, lässt du dich wieder sofort einfangen.
Das Falle-Spiel hat mein Kind in seinem ersten Schuljahr erfunden. Zum Anfang habe ich nicht gemerkt, dass es ein Spiel ist. Ich war einfach nur genervt, dass es mir den Weg aus der Küche versperrte und sich mit voller Kraft gegen meinen Körper lehnte. Das passiert uns Erwachsenen übrigens häufig. Wir sind so in unserem das-muss-jetzt-so-gemacht-werden-Film gefangen, dass wir nicht gleich mitbekommen, wenn uns Kinder zu einem Spiel einladen.
Als ich es dann merkte und mitspielte („Ohje, wie komme ich hier bloß raus? Du bist ja so stark, dass ich mich gar nicht vom Fleck bewegen kann!“), kringelte sich mein Kind vor lauter Lachen. Es forderte mich auf, einen weiteren Fluchtversuch zu unternehmen, nur um mich dann wieder triumphierend einzufangen. Nach ungefähr zehn Minuten war das Spiel vorbei und die Hausaufgaben waren nach weiteren zehn Minuten erledigt.
Ungefähr zwei Wochen lang haben wir intensiv Falle gespielt. Nicht nur vor den Hausaufgaben, manchmal auch einfach so. Und auch heute zählt es noch zu unserem regelmäßigen Spiel-Repertoire.
Selbstverständlich könnt ihr ganz eigene Spiele erfinden. Wichtig ist nicht, welches Spiel du wählst, sondern, dass ihr gemeinsam lacht und euch entspannt.
Außerdem muss das Spielen nicht aufhören, sobald ihr euch an den Tisch setzt. Wer hat eigentlich gesagt, dass eine Pflicht keinen Spaß machen darf?
Bindungsspiele während der Hausaufgaben
Auch während du bei den Hausaufgaben unterstützt, können Bindungsspiele sehr hilfreich sein. Diese drei Spiele lassen sich direkt in das Erledigen der Hausaufgaben einbauen.
- Wer ist hier die Lehrkraft? (Machtumkehrspiel): Du jammerst übertrieben am Tisch: „Och nö, schon wieder Hausaufgaben, muss das wirklich sein?“ Dein Kind darf die strenge Lehrkraft spielen, die dich zur Ordnung ruft. Der Rollentausch kehrt das Machtgefühl um, das den ganzen Tag über fehlte, und bringt fast immer Lachen mit sich.
- Verhext und zugenäht (Nonsensspiel): Tu so, als würde sich die Federtasche nicht öffnen lassen, als hätte das Heft Zähne, als würde der Stift dauernd wegrutschen. Übertreibe es. Je absurder, desto besser.
- Fehler-Pieps (Kontingenzspiel): Statt einen Fehler sofort zu korrigieren, reagierst du mit einem übertriebenen Geräusch oder einer Grimasse, wenn etwas nicht passt. Dein Kind merkt es, lacht, korrigiert meist selbst. Aus Kontrolle wird ein gemeinsames Spiel.
So bleibt eure Verbindung stabil und liebevoll, während die Hausaufgaben trotzdem erledigt werden. Beides gleichzeitig. Das eine schließt das andere nicht aus. Und auch hierbei gilt: werde erfinderisch. Die obigen Spielideen sind nur Beispiele, die ihr nach Belieben abwandeln dürft.
Wenn ich merke, dass die Stimmung angespannt ist, lade ich meine Kinder häufig zu einem Nonsens-Machtumkehrspiel ein. Dabei gebe ich mich unwissend und mache Fehler. Zum Beispiel, indem ich beim Vorlesen Buchstaben oder ganze Wörter vertausche. Oder komische Sachen auf den Einkaufszettel schreibe. Meine Kinder lieben es, mich zu korrigieren und sich dann auch Quatsch-Wörter auszudenken.
Erst das Vergnügen, dann die Arbeit
In meinem Gruppenprogramm Die Spielpause berichten Eltern sehr häufig von angespannten Alltagssituationen, die sich fast schon auf magische Weise durch das Spielen entspannen. Das morgendliche Anzieh-Drama findet ein Ende und selbst Zähneputzen wird freudig erledigt, wenn Zahnteufel oder ähnliche Protagonisten am Start sind.
Und genauso ist es auch mit dem Spielen vor und während der Hausaufgaben. Spielen ist nichts, was ihr euch nur an guten Tagen leisten dürft. Spielen ist auch keine Belohnung, die du deinem Kind in Aussicht stellst, wenn alles gut läuft. Ganz im Gegenteil. Unsere Kinder entdecken die Welt spielerisch. Das Spiel ist ihre Ausdrucksform. Spielst du mit, sprichst du quasi ihre Sprache. Deshalb ist das Spielen häufig die Strategie, die das Lernen am Nachmittag überhaupt erst möglich macht.
Und falls du doch mal laut wirst, weil einfach nichts so klappen will, wie du es dir vorstellst: Das passiert. Du bist deswegen keine schlechte Mutter, nur ein Mensch mit einem gestressten Nervensystem.

Ulrike Wolf ist zertifizierte Coachin für berufstätige Mütter mit Sitz in Lüneburg. Sie arbeitet mit Nervensystemregulation und Bindungsspielen und begleitet Mütter von Stress und Reaktivität zurück zu Ruhe und echter Verbindung in der Familie. Mehr von ihr findest du auf ulrikewolf.de.
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P.S.: Wenn dich das Thema Spiel gerade genauso beschäftigt wie mich, schau doch bei Ulrikes Blogparade „3 Spiele, die mich begleiten“ vorbei. Ich habe selbst mitgemacht, meinen Beitrag findest du hier.