Mein Opa sitzt neben mir am Com­pu­ter, die ers­ten Heim-PCs sind gera­de da, und wir ver­su­chen gemein­sam her­aus­zu­fin­den, wie man in Mon­key Island an der Zie­ge vor­bei­kommt. Oder wir ste­cken in Maniac Man­si­on fest und rät­seln, was der komi­sche Tür­code zu bedeu­ten hat. Ich war noch ein Kind, aber mein Opa hat sich neben mich gesetzt und mit­ge­dacht, mit­ge­ra­ten, mit­ge­lacht. Das war kein Kin­der­spiel, das er nur beauf­sich­tigt hat. Wir haben es zusam­men gespielt.

Genau dar­um geht es bei der Blog­pa­ra­de von Ulri­ke Wolf: Drei Spie­le, die mich beglei­ten. Spie­le aus der Kind­heit, Spie­le mit dem eige­nen Kind, Spie­le als Erwach­se­ne – ganz ohne Kind als Ali­bi. Ich habe in mei­ner Erin­ne­rung gekramt und drei Spie­le gefun­den, die mich durch ver­schie­de­ne Lebens­pha­sen beglei­tet haben.

Adven­ture-Games – Den­ken statt Drü­cken

Point-and-Click-Adven­tures, so nennt man die­ses Gen­re, waren für mich als Kind eine völ­lig neue Welt. Kein Bal­lern, kein Reflex­trai­ning, son­dern Rät­sel, Dia­lo­ge, Gegen­stän­de kom­bi­nie­ren und viel Aus­pro­bie­ren. Mein Opa saß dabei, und wir haben gemein­sam über­legt, was als Nächs­tes zu tun ist. Die­se Mischung aus Grü­beln und Lachen, wenn wie­der eine absur­de Lösung nötig war, hat sich bei mir fest­ge­setzt.

Die Gra­fik war damals noch völ­lig rudi­men­tär, kaum mehr als ein paar Pixel und Farb­flä­chen. Wenn ich sehe, wie sich Spie­le seit­dem ent­wi­ckelt haben, wird mir auch kla­rer, war­um Kin­der heu­te davon so gefes­selt sind – und war­um die gan­ze Gam­ing-Indus­trie genau die­se Fas­zi­na­ti­on inzwi­schen sehr gezielt nutzt. Die­se ver­än­der­te Rea­li­tät lässt sich nicht weg­dis­ku­tie­ren. Wir als Erwach­se­ne müs­sen uns damit aus­ein­an­der­set­zen und gemein­sam mit Kin­dern und Jugend­li­chen nach Lösun­gen suchen, statt nur zu bewer­ten. Und dabei mer­ke ich immer wie­der: Unse­re eige­nen Denk­mus­ter aus der eige­nen Kind­heit sind dabei oft das, was uns am meis­ten im Weg steht.

Par­al­lel dazu gab es den Game Boy, den ich selbst nie besit­zen durf­te. Also habe ich bei einer guten Freun­din gespielt, stun­den­lang Tetris und Super Mario. Zwei völ­lig unter­schied­li­che Arten von Spiel: das ruhi­ge Kno­beln mit mei­nem Opa auf der einen Sei­te, das schnel­le, kom­pe­ti­ti­ve Spie­len bei mei­ner Freun­din auf der ande­ren. Bei­des hat mir etwas gege­ben, das bis heu­te nach­wirkt: Freu­de am Rät­seln und die Erfah­rung, dass man mit ande­ren zusam­men an einer Lösung arbei­tet.

Bei mei­nen Jungs sehe ich heu­te etwas Ähn­li­ches, nur mit einer neu­en Facet­te. Die Räu­me, in denen sie drau­ßen auf eige­ne Faust Erfah­run­gen sam­meln kön­nen, sind klei­ner gewor­den, als sie es bei mir noch waren. Gleich­zei­tig unter­hal­ten sie sich beim Online-Spie­len stän­dig mit ihren Freun­den, und wenn ich genau hin­hö­re, mer­ke ich: Es ist vor allem die Gemein­schaft, die für sie den Reiz aus­macht, nicht nur das Spiel selbst. Wie sehr sich die Welt, in der Kin­der heu­te auf­wach­sen, dabei ins­ge­samt ver­än­dert hat, habe ich in einem ande­ren Arti­kel aus­führ­li­cher auf­ge­schrie­ben.

Lego – eine Anlei­tung, ein Ziel, ein gemein­sa­mes Tun

Lego war schon als Kind eines mei­ner liebs­ten Spie­le. Eine Anlei­tung in der Hand, Schritt für Schritt auf­bau­en, bis am Ende ein fer­ti­ges Modell dasteht – die­se Struk­tur hat mich fas­zi­niert. Kein offe­nes Cha­os, son­dern ein kla­rer Weg mit einem sicht­ba­ren Ergeb­nis. Genau­so ging es mir mit Bar­bie-Sets: Ich habe sie mit Begeis­te­rung auf­ge­baut, aber danach kaum damit gespielt. Der Weg zum fer­ti­gen Ergeb­nis war für mich schon das eigent­li­che Spiel.

Was mich beson­ders freut: Die­ses Spiel hat mich nicht nur durch mei­ne eige­ne Kind­heit beglei­tet, son­dern auch durch die mei­ner Kin­der. Mein älte­rer Sohn ist wie ich, er baut bis heu­te am liebs­ten genau nach Plan. Mein jün­ge­rer Sohn hat­te eine gan­ze Pha­se, in der er viel lie­ber frei gebaut hat, ohne Anlei­tung, ein­fach aus dem Kopf her­aus. Das fin­de ich wun­der­schön zu beob­ach­ten, auch wenn es mich selbst nie gereizt hat. Plötz­lich saß ich wie­der mit Stei­nen auf dem Tep­pich im Kin­der­zim­mer und durf­te sehen, wie unter­schied­lich Kin­der mit dem­sel­ben Spiel umge­hen kön­nen.

Lego, ein Spiel, das über eine Gene­ra­ti­on hin­weg trägt – viel­leicht gera­de, weil es bei­de Typen anspricht: die Ent­de­cker und Crea­tor, die frei bau­en, und die, die wie ich lie­ber struk­tu­riert an einem Ziel arbei­ten.

Exit-Games und Car­cas­son­ne – Spie­len als Erwach­se­ne, für mich selbst

Exit-Games sind in den letz­ten zehn, zwölf Jah­ren rich­tig popu­lär gewor­den, und sie beglei­ten uns inzwi­schen als gan­ze Fami­lie. Wir haben sie über meh­re­re Jah­re regel­mä­ßig mit Freun­den gespielt, schon als unse­re Jungs noch klein waren, und spä­ter haben sie bei­de einen Kin­der­ge­burts­tag mit einem Besuch im Nexus Exit gefei­ert. Sogar auf der Wäch­ters­ba­cher Mes­se haben wir ein klei­nes Exit-Game gespielt, wie ich im Monats­rück­blick Mai/Juni beschrie­ben habe. Vor Kur­zem haben die Erwach­se­nen aus mei­ner Fami­lie sogar einen Out­door-Escape-Room in den Wein­ber­gen von Hör­stein gemacht, den ich auf mei­ner To-Want-Lis­te fest­ge­hal­ten hat­te. Das gemein­sa­me Rät­seln, das kon­zen­trier­te Nach­den­ken im Team, ist für mich immer noch eine der schöns­ten For­men von Zusam­men­sein. Der Kopf strengt sich an, und gleich­zei­tig ent­steht etwas Ver­bin­den­des zwi­schen den Men­schen am Tisch oder eben mit­ten im Wein­berg- selbst bei 35 Grad im Schat­ten;)

Als Erwach­se­ne brau­che ich kein Kind als Vor­wand, um zu spie­len. Car­cas­son­ne gehört zu mei­nen liebs­ten Brett­spie­len, gera­de weil es sich wun­der­bar zu zweit spie­len lässt. Mein Mann und ich haben damit eini­ge Aben­de ver­bracht, vor allem als wir den Jet-Leg unse­rer Hoch­zeits­rei­se ver­ar­bei­ten muss­ten und nachts um 3 Uhr in der Küche saßen.

Was ich aus die­sen Erfah­run­gen gelernt habe

In der Aus­stel­lung „Kin­der­kram für alle!“ im Stadt­mu­se­um Kas­sel haben mein Mann und ich an einem Tablet geses­sen und Logik­spie­le aus­pro­biert. Genau die Art von Rät­seln, die mich schon bei den Adven­ture-Games gepackt hat. Ich hät­te stun­den­lang wei­ter­spie­len kön­nen.

Ich ken­ne die­sen Modus an mir: noch das nächs­te Level, noch eine Run­de, noch eine Auf­ga­be schaf­fen. Bei Duo­lin­go, das ich seit sechs­ein­halb Jah­ren nut­ze, mer­ke ich das beson­ders deut­lich. Die App arbei­tet mit den­sel­ben Prin­zi­pi­en wie vie­le Han­dy­spie­le: Beloh­nun­gen kom­men nicht regel­mä­ßig, son­dern in einem unvor­her­seh­ba­ren Rhyth­mus, und genau das setzt im Gehirn beson­ders viel Dopa­min frei. Fach­leu­te spre­chen von inter­mit­tie­ren­der Ver­stär­kung – ein Mecha­nis­mus, der auch beim Glücks­spiel wirkt. Eine Exper­ti­se des Sucht­for­schers PD Dr. Hans-Jür­gen Rumpf im Auf­trag der Dro­gen­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung zählt genau die­ses Wech­sel­spiel zu den zen­tra­len sucht­för­dern­den Fak­to­ren bei digi­ta­len Spie­len. Wird eine Serie unter­bro­chen, fühlt sich das wie ein Ver­lust an, nicht wie eine Pau­se.

Um nicht zu viel mei­ner Zeit in sol­che Spie­le zu inves­tie­ren- denn Spaß machen wür­de es mir bestimmt… Stun­den spä­ter auch noch…, habe ich mir von Beginn an kei­ne Spie­le aufs Han­dy gela­den. So kom­me ich gar nicht in Ver­su­chung!

Als Lern­coach begeg­net mir die ande­re Sei­te von Spiel fast täg­lich. Kin­der ler­nen leich­ter, kon­zen­trier­ter und mit mehr Aus­dau­er, wenn Wis­sen spie­le­risch statt über Druck ver­mit­telt wird. Genau da liegt für mich der Unter­schied: Spiel, das Den­ken, Ver­bin­dung und Freu­de schenkt, statt Spiel, das mich in einen Sog zieht, aus dem ich schwer wie­der raus­fin­de. Falls du für dein Kind noch geeig­ne­te Lern­spie­le suchst, wirst du hier fün­dig.

Ich spie­le trotz­dem gern – am Tablet in der Aus­stel­lung, Kar­ten­spie­le mit der Fami­lie, am Brett mit mei­nem Mann, im Team bei Exit Games. Aber ich wäh­le bewusst die Form und kann die Dau­er abschät­zen.

Was die­se Spie­le gemein­sam haben

Wenn ich auf die­se drei Spie­le schaue, sehe ich ein Mus­ter: Es geht sel­ten um Sieg oder Nie­der­la­ge. Es geht um das gemein­sa­me Den­ken, um Struk­tur, um Zeit mit Men­schen, die mir wich­tig sind. Von mei­nem Opa über mei­ne eige­nen Kin­der bis zu mei­nem Mann und mei­nen Freun­den – Spiel war und ist für mich ein Ort der Ver­bin­dung.

Genau das begeg­net mir auch in mei­ner Arbeit in der Beglei­tung immer wie­der: Mus­ter, die wir als Kind gelernt haben, wir­ken oft unbe­merkt wei­ter – man­che belas­ten uns, ande­re tra­gen uns über Jahr­zehn­te. Bei mir war es das gemein­sa­me Spie­len.

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Wie viel Spiel gera­de in der Bin­dung zwi­schen Eltern und Kind bewir­ken kann, beschreibt Ulri­ke Wolf in ihrem Gast­ar­ti­kel hier auf mei­nem Blog: „Wie Spie­le bei den Haus­auf­ga­ben wirk­lich hel­fen kön­nen“ – dort geht es spe­zi­ell um Bin­dungs­spie­le. Schau ger­ne vor­bei, wenn dich das The­ma inter­es­siert.

Die­ser Bei­trag ist Teil der Blog­pa­ra­de „Drei Spie­le, die mich beglei­ten“ von Ulri­ke Wolf. Noch bis zum 2. August 2026 kannst du mit­ma­chen und dei­ne eige­nen Spie­le-Erin­ne­run­gen tei­len.